PROGRAMM

KIERKEGAARD – “Dir geschehe wie du glaubst”

ABEND I

VORWORTE
Unterhaltungslektüre für einzelne Stände je nach Zeit und Gelegenheit / was sich zeigen wird ahnen / ich bin niemals weiter gekommen als bis zu einem einleitenden Paragraphen / nichts ist so verkehrt, dass es nicht für irgendwen gut wäre, und nichts so gut, dass es nicht für irgendwen verkehrt wäre / vermittelst der Vermittlung ist jedermann imstande, unbedingte und unsterbliche Bedeutung zu gewinnen im Verhältnis zu der bisher zurückgelegten Weltgeschichte / man spürt eine Verantwortung… / Mitleiden haben zu können mit den Schwachheiten der Menschen sei das wahre Erkenntnisprinzip / jeden Lufthauch der Zeit für einen Wink der Weltenlenkung halten

ABEND II

VORWORTE
die Schwierigkeit im Allgemeinen / dass Schwachheit Glück damit haben kann, auszuführen, was die Kraft nicht meisterte / der Zweifel wird nicht im System überwunden, sondern im Leben / der eine dient der Philosophie mit seiner Weisheit, der andere mit seiner Dummheit / meine Liebe zur Philosophie ist nicht so glücklich, dass ich tollkühne Experimente wagen dürfte / meine Erwartung ist, dass meine Absicht ihr Ziel erreichen wird / Gewinnen durch Verlieren / man verlange nicht von mir, dass ich andern erkläre, was ich selbst nicht begreife / wenn der Philosoph durch seine Philosophie selig wird, so ist dies eine zufällige Seligkeit / ich belohne mit dem Kuss der Idee / die stille Behausung der Philosophie umfrieden, auf dass der Welt Lärm und Mühsal nicht störend dahin dringe

ABEND III

DIE KRANKHEIT ZUM TODE
Augen voller Klarheit in alle deine Wahrheit / eine christliche psychologische Erörterung zur Erbauung und Erweckung / der Mut, den der natürliche Mensch nicht kennt / die Krankheit zum Tode ist Verzweiflung / das gar Seltene, dass einer nicht verzweifelt ist / der Zustand des Menschen als Geist betrachtet / Glauben heißt eben den Verstand verlieren, um Gott zu gewinnen / in einem Irrtum zu sein, ist dasjenige, was die Menschen am wenigsten fürchten / warum ist es in der Welt Augen gefährlich, etwas zu wagen? / Verzweiflung gesehen unter der Bestimmung Möglichkeit – Notwendigkeit / man kann in der Möglichkeit auf alle möglichen Weisen sich verlaufen / das Entscheidende ist: alles ist möglich bei Gott / Glauben heisst den Verstand verlieren, um Gott zu gewinnen / Beten ist auch ein Atmen / geistlos triumphiert die Spiessbürgerlichkeit

ABEND IV

DIE SOKRATISCHE DEFINITION VON SÜNDE
Dir geschehe, wie du glaubst / die Lehre von der Versöhnung / Einweihung in alle Heimlichkeiten der Ironie / Glauben ist Sein / in des Geistes Leben ist kein Stillstand, alles ist Aktualität, Tathaftigkeit / wie erklärt das Christentum das Unbegreifliche? / ich bin bereit zuzugeben, wie ferne ich der Vollkommenheit bin

DAS UNGLÜCK DER CHRISTENHEIT
aller Saft und alle Kraft wurde aus dem Christentum herausdestilliert / die Christenheit hat das Christentum abgeschafft, ohne es selbst richtig zu entdecken; die Folge ist, dass man versuchen muss, das Christentum wieder in die Christenheit einzuführen, wenn etwas geschehen soll

ERBAULICHE REDEN – WIDER FEIGHEIT
der Entschluß ist Erwachen zum Ewigen / das Heilsame am Fassen eines Entschlusses / der Täuschung abschwören / man kriecht ehedem man gehen lernt / Überfluss an Vorsatz haben und Armut an Handlung / das Gefängnis geräumig wie die weite Welt / die göttliche Gerechtigkeit ist dem Schuldigen behilflich mit dem Gedächtnis der Ewigkeit / mit der Feigheit muss etwas verkehrt sein / Einsamkeit als Blendwerk / die Feigheit ist nicht laut und lärmend, sondern still und schwül / heute noch

NIETZSCHE – “Ich bin ein froher Botschafter”

ABEND I

GEDICHTE & SELBSTDARSTELLUNGEN
denn alle Lust will Ewigkeit / aber was ist Unglück? / daß nur das Herz glücklich machen kann / wenn das Höhere kommt / in immer mehr Tiefe und Höhe will der Geist sich breiten / ein Spiegel, in dem ich die Welt erblickte / Schopenhauer hilf

ECCE HOMO
wie man wird, was man ist / wieviel Wahrheit wagt ein Geist / Irrtum ist Feigheit / ich habe die Hand dafür, Perspektiven umzustellen / dass man im Grunde gesund ist / die humanste Form des Widerspruchs / Gott ist eine faustgrobe Antwort / die Entartung der Mehlspeise zum Briefbeschwerer / keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist / ich verehrte Wagner als Ausland / ich weiss keinen Unterschied zwischen Tränen und Musik zu machen

ABEND II

ALSO SPRACH ZARATHUSTRA
man darf vielleicht den ganzen Zarathustra unter die Musik rechnen / in alle Abgründe trage ich noch mein segnendes Jasagen / wie müde bin ich meines Guten und meines Bösen / Freiheit sich schaffen zu neuem Schaffen / schwer zu beweisen ist alles Sein und schwer zum Reden zu bringen / es ist mehr Vernunft in deinem Leibe als in deiner besten Weisheit / ich habe gehen gelernt: seitdem lasse ich mich laufen / DEN Weg nämlich gibt es nicht…

ABEND III

ZUR GENEALOGIE DER MORAL – Vorrede
halb Kinderspiele, halb Gott im Herzen / unter welchen Bedingungen erfand sich der Mensch jene Werturteile gut und böse? / oh, wie wir glücklich sind, wir Erkennenden / wohin doch? ins Nichts? / wozu man beinahe Kuh und jedenfalls nicht moderner Mensch sein muß

JENSEITS VON GUT UND BÖSE
von den Vorurteilen der Philosophen / was in uns will eigentlich zur Wahrheit? / die Unwahrheit als Lebensbedingung zugestehn / ich glaube nicht, dass ein Trieb zur Erkenntnis der Vater der Philosophie ist / man hatte geträumt / sich von der Verführung der Worte losmachen / was Denken ist / ein Gedanke kommt, wenn er will und nicht, wenn ich will / Wollen scheint mir vor allem etwas Kompliziertes / Glück und Tugend sind keine Argumente / die Philosophen der Zukunft / bereit zu jedem Wagnis

ABEND IV

JENSEITS VON GUT UND BÖSE
DAS RELIGIÖSE WESEN – warum heute Atheismus? / die Frömmigkeit als die feinste und letzte Ausgeburt der Furcht vor der Wahrheit / der Müßiggang mit gutem Gewissen / die auf sich stolze, dumm-stolze Arbeitsamkeit / sich in die religiöse Interpretation des Daseins verbeissen / ein ewiges Kind / Religionen für Leidende / gleich vor Gott

ZUR NATURGESCHICHTE DER MORAL
das Reich zarter Wertgefühle und Wertunterschiede / die eigentlichen Probleme der Moral / der moralische Imperativ der Moral / die Vernunft ist nur ein Werkzeug / die lange Unfreiheit des Geistes / was wir im Traume erleben, gehört zum Gesamthaushalt unserer Seele

DIE FRÖHLICHE WISSENSCHAFT
die Griechen waren oberflächlich – aus Tiefe / Arbeit und Langeweile / die Begierde nach Leiden / Not ist nötig / vom Klange der deutschen Sprache / den Helden ebenso wie den Narren entdecken, der in unsrer Leidenschaft der Erkenntnis steckt / unter den Bedingungen des Lebens könnte der Irrtum sein / im Horizont des Unendlichen / der tolle Mensch / Gott ist tot! Wir haben ihn getötet… /den Gedanken an das Leben hundertmal denkenswerter machen als den Gedanken an den Tod / das Notwendige an den Dingen als das Schöne sehen / ich will irgendwann einmal nur noch ein Ja-Sagender sein

HEIDEGGER – “Unablässiges herzhaftes Denken”

ABEND I

AUS DER ERFAHRUNG DES DENKENS
auf einen Stern zugehen, nur dieses / wie glückt das Denken / die Gedanken kommen zu uns / die Pracht des Schlichten / der Schmerz verschenkt seine Heilkraft dort, wo wir sie nicht vermuten / Segen sinnt

WAS IST DAS DIE PHILOSOPHIE?
die Frage selbst ist ein Weg / das strebende Suchen / wir müssen der Philosophie durch unser Denken entgegenkommen / Destruktion bedeutet nicht Zerstören, sondern Abbauen und Auf-die-Seite-stellen / das Verhältnis von Denken und Dichten erörtern

ABEND II

GELASSENHEIT
die Gedankenlosigkeit ist ein unheimlicher Gast / die Flucht vor dem Denken / das ruhige Wohnen des Menschen zwischen Erde und Himmel / wir brauchen beim Nachdenken keineswegs hochhinaus / die Umwälzungen, die kommen, kann niemand wissen / Offenheit für das Geheimnis / unablässiges herzhaftes Denken

HOLZWEGE – DIE ZEIT DES WELTBILDES
eine fünfte Erscheinung der Neuzeit ist die Entgötterung / alle Geisteswissenschaften müssen, gerade um streng zu bleiben, notwendig unexakt sein / das Verfahren der Wissenschaft wird durch ihre Ergebnisse eingekreist / aus dem abgenutzten Wort vorstellen die ursprüngliche Nennkraft herausspüren / im Seienden ein Fremdling bleiben

ABEND III

UNTERWEGS ZUR SPRACHE – DAS WESEN DER SPRACHE
daß der Mensch den eigentlichen Aufenthalt seines Daseins in der Sprache hat / unser Verhältnis zur Sprache ist beinahe sprachlos / die durchgängige Technifizierung aller Sprachen zum allein funktionierenden interplanetarischen Informationsinstrument / kein Ding ist, wo das Wort fehlt / auch ein Gott ein Ding / nichts ist klar, aber alles bedeutend / die Sprache ist das Haus des Seins / das hohe Walten des Wortes

ABEND IV

HÖLDERLIN UND DAS WESEN DER DICHTUNG
die Bezeugung des Menschseins / Redenkönnen und Hörenkönnen sind gleich ursprünglich / wir sind ein Gespräch / das Einfache muß der Verwirrung abgerungen werden / Freiheit ist höchste Notwendigkeit / die dürftige Zeit: im Nichtmehr der entflohenen Götter und im Nochnicht des Kommenden / Was bleibet aber, stiften die Dichter.

HÖLDERLIN – “Seit ein Gespräch wir sind”

ABEND I

LEBENSLAUF – alles prüfe der Mensch

BRIEFE – an Immanuel Nast, Louise Nast, die Schwester, die Mutter
das war ein trauriger Morgen / ich soll dir meine mystischen Briefe aufklären? / der Gedanke an die Ewigkeit ist des Menschen seligster Gedanke / ich bleibe unzertrennlich / Elternrat beruhigt immerhin / ich kann unmöglich weniger brauchen / meine Arbeit belohnt sich durch sich selbst / der Wunsch, was zu lernen, kann jeden andern Wunsch verschlingen / ich werde Ihre Liebe nie nach der Länge der Briefe messen / wie gelangt man zur wahren Zufriedenheit?

PREDIGT – über 2. Joh. 7–9
die gewisse Hoffnung der Unsterblichkeit / Reinigkeit und Einfalt / das Gesetz der Liebe

ABEND II

BRIEFE – an die Mutter, die Schwester, Neuffer, Schiller, Hegel
Beweise der Vernunft fürs Dasein Gottes / jeder sei, wie er wirklich ist / Bücher schreiben ohne Hunger / mit meinen kindischen Hoffnungen bin ich fertig / es sieht doch manchmal lumpig aus in der Menschen Herzen / die entlegensten Enden des Geisterlands / die verhüllten Gottheiten der Philosophie / ich lebe ganz ohne Zwang / man hat jetzt doch mehr Sinn für Schönes und Großes als je / warum muß ich so arm sein und so viel Interesse haben um den Reichtum eines Geistes? / schreib mir doch bald, lieber Hegel ich kann Deine Mitteilung unmöglich ganz entbehren

THEORETISCHE SCHRIFTEN
ZU JACOBIS BRIEFEN ÜBER DIE LEHRE DES SPINOZA
der Wille und der Verstand findet ohne einen Gegenstand nicht statt / die Vorstellung von Folge und Dauer ist bloße Erscheinung / das Mannigfaltige in dem Unendlichen / das größte Verdienst des Forschers ist, Dasein zu enthüllen

ÜBER DAS GESETZ DER FREIHEIT
der Naturzustand der Phantasie / der Anfang all unsrer Tugend geschieht vom Bösen / die Anarchie der Vorstellungen / die Ordnung der Wahrnehmungen

AN NEUFFER
es ist der Schmerzen wert, dies Leben

ABEND III

HYPERION
klage nicht, handle! / es ist ein köstlich Wohlgefühl in uns / was ist Verlust? / so verherrlicht waren wir von den Kräften der Erde und des Himmels / der Tod ist ein Bote des Lebens / wohnt doch die Stille im Lande der Seligen / die Harmonie der Geister wird Anfang einer neuen Weltgeschichte sein

ABEND IV

HYPERION
es ist eine bessere Zeit, die suchst du, eine schönere Welt

FRIEDENSFEIER
sie hören das Werk / des Göttlichen aber empfingen wir doch viel / dass, wenn die Stille kehrt, auch eine Sprache sei / bald sind wir aber Gesang / und vor der Türe des Hauses sitzt Mutter und Kind, und schauet den Frieden

Grundgedanken zur Textauswahl

Grundsätzlich ist zu sagen, dass mich bei meiner philosophischen Entdeckungsreise die genannten Autoren schlicht angesprochen haben. Um es plakativ und gewagt zu formulieren: mich beschäftigt, wie diese vier Philosophen Gott suchen – ob sie ihn finden, wie sie ihn finden, wie sie ihn nicht finden… Insofern basiert meine Recherche auf religionsphilosophischen Grundgedanken und Fragestellungen. Die Philosophie allein, das Denken allein sind für mich nicht des Rätsels Lösung – deshalb ist mir auch der sinnliche Aspekt des Vorlesens und Zuhörens außerordentlich wichtig.

Man könnte auch sagen, dass ich mit den ausgewählten Texten eine Gedankenausstellung kuratiere – subjektiv und durchaus fragwürdig. Wobei ich keinen wissenschaftlich-akademisch abgesicherten Anspruch erheben darf, will und kann. Die Bilder werden in der Lese-Performance sozusagen gehängt, auf dass sie behört werden können – eine jede, ein jeder mag sie in das eigene Lebensbild einfügen. Auf jeden Fall soll kein Das-muss-ich-wissen-Krampf entstehen.

Mein zweiter Schwerpunkt liegt auf der Musikalität der Sprache – welche Gedanken klingen auch gut? Wann und wie wird ihr Denken zur Dichtung? Deshalb steht auch Hölderlin am Ende dieser Lesungsreihe: Hölderlin, einer der prägnantesten Gottsucher – der Philosoph, der Dichter werden mußte.

Mit PHILOSOPHIE PUR will ich die eigentlich überzeitliche Tradition des Hörens beleben, wie sie in allen Kulturen gepflegt wurde und wird.

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