Handeln können – Handeln sollen

Jens Hauser, Kurator

zur Eröffnung der Ausstellung synth-ethic im Naturhistorischen Museum Wien, 13.5.11

Diese Ausstellung, die sich an diesem symbolischen Ort des Naturhistorischen Museums Wiens durch die Frage auflädt, wie menschliche Synthese historische Natur verändert, und ob es nicht ganz natürlich die menschliche Natur sei eine vermeintlich andere, die nicht-menschliche Natur zu verändern, trägt den Titel synth-ethic. Dass damit einerseits die Synthese angesprochen ist – als Gegenpol zur Analyse, in deren Tradition es in der Biologie als der Disziplin der Studie unddes Verstehens der Gesetzmäßigkeiten des Lebendigen geht – und andererseits die Ethik, ist kein bloßes Wortspiel. Denn anders als in der „toten“ Chemie und Physikscheint uns in der Biologie die Vorstellung synthetisierter Lebenssysteme oder gar Organismen Bauchschmerzen zu bereiten. In der seit Kurzem neu ausgerufenen Disziplin der sogenannten Synthetischen Biologie wird versucht, den Erkenntnisgewinn aus der Analyse für die Synthese im Namen praktischer Nutzbarkeit anzuwenden. Als Steigerung bekannter Biotechnologien wie Gewebezucht oder Transgenese will sie nicht nur bestehende Organismen verändern, sondern „Leben“ von Grund auf neu designen. Nicht von Lebewesen ist fortan mehr die Rede, sondern von Bauteilen, Schaltkreisen und Systemen. Ingenieurs-Rhetorik wird auf die Biologie übertragen. Manche sehen im Synthetisieren sogar den Ritterschlag des Wissens schlechthin und zitieren dann gern das Ingenieurs-Mantra des amerikanischen Physikers Richard Feynman: „Was ich nicht erschaffen kann, verstehe ich nicht.“ Aber ist der Nachbau oder die Konstruktion von etwas Neuem schon der Beweis, dieses auch vollständig verstanden zu haben? Verstehen wir wirklich, was wir konstruiert haben?

Diese neuen Dimensionen des technischen Handeln-Könnens erfordern nun auch eine neue ethische Hinterfragung des gesellschaftlichen Handeln-Sollens. Aber haben wir überhaupt eine Chance ethisch zu agieren? „Was soll ich tun?“ lautete einst Kants Frage nach dem richtigen moralischen Handeln in seiner Metaphysikder Sitten. Und die sogenannte Naturgesetzformel in seinem Kategorischen Imperativ lautete „Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetze werden sollte.“ Diese Formel fordert vom vernunftbegabten Wesen, alle Handlungen über den eigenen Tellerrand des Eigennutzes hinaus auch darauf hin zu prüfen, ob sie einer höheren, universellen Maxime standhalten. Aber können wir heute im gesellschaftlichen Kollektiv wirklich noch die Folgen technischen Handelns absehen, wenn Naturwissenschaftler, Ingenieure, Philosophen, Kulturindustrielle oder auch Künstler jeweils in ihren eigenen hoch spezialisierten Welten ihr eigenes vermeintlich Universelle zu sehen geneigt sind?

Hier kommt eine Art von transdisziplinärer, experimenteller, risikofreudiger und zugleich philosophisch geprägter und nachdenklich stimmender Kunst ins Spiel – so wie sie in der Ausstellung synth-ethic zu erleben sein soll. In den letzten Jahren sind mehr und mehr Künstler im sprichwörtlichen Sinne besonders „nah ansLeben“ herangerückt und haben die verschiedensten naturwissenschaftlichen Labormethoden und Biotechnologien zweckentfremdet und lebendige Systeme modifiziert. Sie stellen damit auch die verbreitete Erwartung auf die Probe, dass Kunst vor allem die Rolle des guten oder schlechten Gewissens einer Gesellschaft spielt, und sichtbar und symbolisch, aus einer vermeintlich kritischen Distanz, die moralische Keule schwingt. Nun machen sich aber Künstler sehr wohl Techniken wie jüngstens auch die der Synthetischen Biologie zu eigen. Denn die Synthese als Prinzip ist eigentlich immer schon Sache der Kunst gewesen. Doch das Zusammenfügen und Collagieren von disparaten Elementen zur Schaffung neuer Bildwerke, Metaphern, Sinneserfahrungen oder ästhetischen Genres geht auch einher mit einer Neugier auf neue Gestaltungsmittel der jeweiligen Epoche.

Ist das nun ethisch? Vielleicht beantwortet man diese Frage dann mit ja, wenn man sich ein weiteres Grundprinzip des Kantschen Philosophie-Baukastens vergegenwärtigt: das der notwendigen Mündigkeit der gesellschaftlichen Subjekte. Kunst kann hier jenseits eines binären und mediengerechten Pro-oder-Contra-Denkens die Komplexität menschlicher Interventionen in der Biotechnologie, sowie unsere daraus resultierende Verantwortung erfahrbar machen. Es geht nicht darum, ob Künstler sich aus dem Baukasten der Biobricks der Synthetischen Biologie bedienen dürfen oder nicht; ob sie an den derzeit modischen iGem-Wettbewerben teilnehmen oder nicht; ob sie die schnellsten oder ersten sind, die einen neuen Trend ästhetisieren. Vielmehr können sie auch über den Tellerrand des Neuigkeitswahns und des ökonomischen Sachzwangs hinaus blicken, und dabei Spannungsfelder zwischen Molekularbiologie und Ökologie, Architektur und Biochemie, Technik und Natur, Kybernetik und Alchemie untersuchen.

Sie können zeigen, wie systemisch alles mit allem zusammenhängt, und auch dass alles eine Geschichte hat, auch wenn es einen neuen Namen trägt… wie die Synthetische Biologie, deren Begriff der französische Biologe Stéphane Leduc bereits 1910 prägte. Leducs Anliegen war damals, zur Synthese von Lebensphänomenen genau den Grenzbereich zwischen dem Anorganischen und dem Organischen zu untersuchen, um durch das Kombinieren der elementarsten Einheiten und deren Evolution so irgendwann „Leben“ synthetisieren zu können. Ihm erschien logisch, dass die Biologie, wie die anderen Naturwissenschaften auch, zunächst deskriptiv, dann analytisch und schließlich synthetisch werden würde. So hat das Synthetischehat eine Lange Geschichte, und stets hat es unsere Vorstellung von Leben verändert. Erinnern wir uns nur an die erste Synthese von Harnstoff durch Friedrich Wöhler im 19. Jahrhundert. Dies widersprach der damals verbreiteten Vorstellung, dass organische Substanzen grundsätzlich nur von Lebewesen hergestellt werden könnten, und dass sie einer vis vitalis, einer materiellen Lebenskraft, bedurften. Seit dem hat man danach „Leben“ weniger in seiner Materialität als in seiner strukturellen Organisation erforscht.

Wenn es in synth-ethic um Kunst mit, und im Lichte von Synthetischer Biologie geht, so ist sie dann ethisch, wenn sie uns mehr Mündigkeit erlaubt. Die ausgestellten Arbeiten inszenieren, wie der Mensch selbst die Folgen der von ihm strapazierten Naturgesetze ökologisch zu spüren bekommt, vielleicht in der Biosphäre sogar überflüssig wird angesichts seiner neuen Kreaturen. Wie vielleicht das Tier die durch des Menschen Technologien hervorgerufenen Krankheiten heilen hilft. Wie wir den Stellenwert von Tieren und Pflanzen von ihrem Nutzenfür uns, statt für die gesamte Ökologie, abhängig machen. Wie angesichts technischer Allmachtsfantasien Schöpfungsmythen und Erzählungen wie vom Golem oder Pygmalion nun sprichwörtlich als „halb-lebendige“ Sorgen heranwachsen. Wie genetisch programmierte Bakterien Radios – oder Protozellen Architekturen wachsen lassen. Wie der Mensch auch den kleinsten von ihm manipulierten Sphären von organisierter Materie seinen Drang nach Anthropomorphisierung einschreibt. Andererseits aber auch, wie schon die Kybernetik der 1950er Jahre ein ideales Gleichgewicht zwischen konstruierten Systemen und deren Selbstregulation anstrebte. Und überhaupt: Ist Synthese „unnatürlich“? Synthetisiert nicht auch die Seidenraupe?

„Was soll ich tun?“ lautete Kants Frage nach dem richtigen moralischen Handeln, und diese Frage hat nichts von ihrer Aktualität verloren. Zwischen Kunst und Technowissenschaft wirft die Ausstellung synth-ethic Fragen auf, die weit über das Dilemma zwischen Ablehnung oder Akzeptanz eines emergenten Forschungsbereiches und seiner pressewirksamen Ankündigungen hinausgehen.